LEO TUOR: “CAVREIN”

Capromachia in Graubünden
Von Beat Mazenauer, sfd

Wenn es um die Jagd geht, gelten in Graubünden eigene Gesetze. Ein Mann allein auf der Fährte des kapitalen Steinbocks, diesem Bild streben viele Jäger nach. Der Autor Leo Tuor hat sich auf die Jagd am Cavrein gemacht.

Ein Mann sollte im Leben ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen, heisst es im Volksmund. Im Bündnerland käme noch der Bock dazu, den der Mann zu schiessen hat. Einen "Macun" als Trophäe ist ein höchstes Glücksgefühle. Und obendrein ein Beweis der Männlichkeit?

In "Cavrein" erzählt der Bündner Autor Leo Tuor vom beinahe kultischen Jagdfieber in den zerklüfteten Bündner Felsen, die ungeachtet der modernen Technik dem Jäger einiges abfordern. Wer Erfolg haben will, muss tagelang warten, vergeblich in den Bergen herumklettern und die Nächte in zugigen Alphütten aushalten können.

Ein Lob der Vergeblichkeit

In wechselnder Begleitung stapft der Erzähler durch die Steinwüsten des Cavrein und des Val Medel auf der Suche nach einer Beute. Mit Gewehr und Feldstecher müsste das doch keine Sache sein, denkt sich der Laie. Weit gefehlt. Es kann vieles schieflaufen mit diesen stolzen Repräsentanten eines stolzen Kantons.

Schliesslich verleiht die Jagdaufsicht der Jagd zusätzliche Würze, weil sie dem Freizeit-Jäger Regeln und Bestimmungen auferlegt und ihm letztlich die Beute zuteilt. Der Kanton jagt immer mit.

Tuors Jäger trägt Wittgenstein im Gepäck und viele Lektüren im Kopf mit sich herum. In der felsigen Wildnis begegnet er aber vor allem alten Anekdoten und Mythen. Ein rätselhafter Schuss auf einen kapitalen Bock, welcher zu treffen und doch zu verfehlen scheint, ruft die Geschichte vom Bezoar hervor - jenem magischen Gewölle im Magen eines Bocks, das ihn vor dem Abschuss schützen soll.

Die Bündner Capromachia

Die "Capromachia", der spanischen Tauromaquia nachempfunden, "ist die Kunst von all dem, was mit Steinböcken in Graubünden zu tun hat", schreibt der Autor. Das reicht von der Pirsch bis zum Abnagen der Knochen nach der Mahlzeit. In "Cavrein" bleibt dieser heilige Kult nicht frei von seltsamen und für Unterländer eigenartigen Zügen.

Leo Tuor beschwört sie ebenso herauf wie die Anstrengung, die dieses Hobby abverlangt. Die Felsen rauf und die Hänge runter, das braucht Mut, Kraft und Geduld. Mehr als ein Streifschuss schaut bei seinen Bemühungen nicht heraus.

Respekt und Schönheit

Am Ende geht es aber vielleicht gar nicht um den Erfolg. Tuors Jäger erfährt auch die Schönheit der felsigen Wildnis, in der er seiner Beute nachstellt. Und wie ihm auf dem Weg ein Bartgeier begegnet, glaubt er in das schönste Auge zu schauen, das ihm je begegnet ist.

Die Faszination der Bündner Steinbockjagd zeigt so ein ambivalentes Bild. Es geht dabei ums Töten und zugleich um den Respekt vor dem Steinbock, der schon um 1700 aus den Bündner Alpen verschwand und erst seit 1920 wieder angesiedelt wird. Es war früher nicht immer besser. Die Berge und ihr Personal sind, nicht nur für den Unterländer, eine im schönsten Sinn seltsame Erfahrung.

Leo Tuor: "Cavrein". Erzählung. Aus dem Rätoromanischen von Claudio Spescha. Limmat Verlag, Zürich 2014. 94 Seiten, Fr. 24.50 (UVP).

(14.4.2014 © sda/sfd)



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